{"id":807,"date":"2020-10-15T14:39:56","date_gmt":"2020-10-15T12:39:56","guid":{"rendered":"http:\/\/medienrevolution.ch\/?p=807"},"modified":"2020-10-15T14:41:02","modified_gmt":"2020-10-15T12:41:02","slug":"alle-malen-halls-keiner-ist-mehr-strasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.medienrevolution.ch\/?p=807","title":{"rendered":"Alle malen Halls, keiner ist mehr Strasse"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Fast bei jeder aufw\u00e4ndigen Reportage \u2014 zumindest in den elektronischen Medien\u2014 gibt es eine ganze F\u00fclle von Facts, Eindr\u00fccken, Nebengeschichte, die man am Ende nicht unterbringt. Weil es nicht zum Hauptthema geh\u00f6rt, ablenkt oder verwirrend ist. Und je tiefer man in das Thema eingetaucht ist, umso gr\u00f6sser wird die Menge an Nebenprodukten und -erkenntnissen. Wie zum Beispiel bei der Basler Sprayer-Szene.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-vimeo\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Basel und die Graffiti-Szene\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/468524223?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"678\" height=\"381\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Was habe ich gebohrt und gesucht, um einen Sprayer oder Ex-Sprayer zu finden, der vor die Kamera steht und aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudert. Es war eine z\u00e4he Angelegenheit. Ich hatte ein paar an der Angel, am Ende sprangen sie wieder ab (mit einer Ausnahme). Das ist kein Wunder. Denn Graffiti, zumindest nach dem urspr\u00fcnglichen Verst\u00e4ndnis, ist immer illegal. Und der Sprayer lebt deshalb von seiner Anonymit\u00e4t. Er ist ein Pseudonym, geh\u00f6rt vielleicht einer Crew an. Aber das war\u2019s dann auch schon mit der Identifikation nach aussen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Neue Dynamik in einer alten Diskussion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Umso spannender ist der Ansatz, den der Kanton Basel-Stadt verfolgt, um \u00abVerzierungen\u00bb der sch\u00f6nen und weniger sch\u00f6nen Art an den W\u00e4nden zu managen. Ausmerzen kann man dieses Ph\u00e4nomen nicht. Das ist auch nicht die Absicht von Basel-Stadt. Vielmehr praktiziert die Stadtreinigung einen Mix aus: Graffiti wegmachen, W\u00e4nde freigeben, Projekte unterst\u00fctzen (und die W\u00e4nde anschliessend versiegeln).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Praxis heizt der Kanton ein altes Dilemma neu an: Wie stark darf sich diese Kunstform wandeln? Ist es ok, als Sprayer bezahlte Auftr\u00e4ge zu machen? Werden die Sprayer gegeneinander ausgespielt?<\/p>\n\n\n\n<p>Was nach bezahlter Auftragsarbeit aussieht, wird im Moment gerne verschandelt. Off the record erz\u00e4hlen mir Sprayer, dass es das fr\u00fcher auch schon gab. Man wird \u00abgecrossed\u00bb, vor allem wenn es darum ging, das eigene Graffiti-Territorium zu markieren. Doch wer eine solche Terror-Line malt, hinterliess fr\u00fcher auch sein Pseudonym, damit man wusste, mit wem man es eigentlich zu tun hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Terror-Linien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heute hat sich die Gangart aber deutlich versch\u00e4rft. Dass die \u00abStreetart\u00bb-Meile an der Schwarzwaldbr\u00fccke mit einer Terror-Line sabotiert wurde, mag man noch halbwegs verstehen. Denn dieses Projekt wurde wenigstens teilweise finanziell vom Kanton unterst\u00fctzt und anschliessend versiegelt (Versiegeln ist verhasst in der Szene, weil es dem Wandbild\/Graffiti\/Streetart jeglichen tempor\u00e4ren Charakter nimmt). <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-812\" srcset=\"http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein-1250x833.jpg 1250w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein-400x267.jpg 400w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_dest_und_terror_line_klein.jpg 1620w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Basilisk und Basler Skyline, ein Wandbild direkt beim Sommercasino, Anfang Oktober 2020<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass aber Auftragsarbeiten wie ein Basilisk die Skyline von Basel vis-\u00e0-vis vom Sommercasino nur 2 Tage nach der Fertigstellung mit einer silbernen und einer violetten Terror-Line \u00abversehen\u00bb wurde, ist eine neue Dimension. Der Maler\/Sprayer des Bildes ist notabene einer der ersten Stunde in dieser Region. Er wird das Bild noch einmal malen. Und dann wird die Sache versiegelt. Ende der Diskussion.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-811\" srcset=\"http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein-1250x833.jpg 1250w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein-400x267.jpg 400w, http:\/\/www.medienrevolution.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/graffiti_basilisk_frisch_gestrichen_klein.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Einige Wochen sp\u00e4ter wurde das Bild \u00abrepariert\u00bb.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wer regelm\u00e4ssig an der Line spazieren geht wird feststellen, dass dort immer noch laufend neue Sachen entstehen. Die Szene ist lebendiger denn je. Aber auch heterogener. \u00abDie Sprayer-Szene\u00bb an sich gibt es eigentlich gar nicht. Da sind die klassischen Sprayer mit einem konservativen Graffiti-Verst\u00e4ndnis, da gibt es eine FCB-Sprayer Szene, die vor allem das Gebiet um das Stadion herum gestaltet (aber auch weit dar\u00fcber hinaus). Und dann gibt es vermutlich noch Sprayer, die von einer Art linksautonomem Gedankengut geleitet sind und die Graffiti als Werkzeug zur Aufwertung und Gentrifizierung der Stadt sehen. Und das wird nat\u00fcrlich torpediert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist das Kunst oder kann das weg?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als reiner Betrachter von Wandbildern\/Graffiti\/Streetart vermute ich, dass diese Kunstform \u2014 wie so viele andere Kunstformen auch in der Geschichte \u2014 die Schwelle zum Mainstream \u00fcberschritten hat. Genau so wie beim Jazz, beim Hiphop, bei der Malerei und in der Literatur. Aber eben: nicht jeder, der komponiert ist ein musikalisches Genie. Nicht jeder, der schreibt, ist ein Schriftsteller. Und nicht jeder der Schreibt, ist ein K\u00fcnstler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast bei jeder aufw\u00e4ndigen Reportage \u2014 zumindest in den elektronischen Medien\u2014 gibt es eine ganze F\u00fclle von Facts, Eindr\u00fccken, Nebengeschichte, die man am Ende nicht unterbringt. Weil es nicht zum Hauptthema geh\u00f6rt, ablenkt oder verwirrend ist. Und je tiefer man in das Thema eingetaucht ist, umso gr\u00f6sser wird die Menge an Nebenprodukten und -erkenntnissen. 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