Der Mann, der Hodler zum «Filmstar» machte

Ausgerechnet 100 Jahre nach Ferdinand Hodlers Tod (er stab im Mai 1918) tauchen Bewegtbildaufnahmen des Schweizer Künstlers auf. 122 Jahre alt sind sie und stammen von der Landesausstellung in Genf 1896.

Nicht nur das Auftauchen der Bilder sind eine tolle – weil für Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen interessante – Geschichte. Sondern auch die Askepte drum herum, die im Tagesschau-Beitrag keinen Platz fanden.

Typisch Landesausstellung: Nichts als Ärger
Zunächst einmal das Thema Landesausstellung: Es gab Probleme mit der Infrastruktur (weil das Genfer Stimmvolk den Bahnanschluss an der Urne ablehnte), der Sommer war wettertechnisch schlecht und am Ende winkte ein Defizit (-270’000 CHF). An der Expo von 1896 gab es nicht nur ein Village Suisse (dort fanden die Filmaufnahmen statt, auf denen Ferdinand Hodler zu sehen ist), sondern auch ein Negerdorf, ein village Noir. Ein Genfer Geschäftsmann holte über 200 Menschen aus dem damaligen Sudan. Was für uns heute unvorstellbar ist, war damals völlig normal. Im Basler Zoo, wo regelmässig solche Völkerschauen stattfanden, sorgte ein Jahr vor der Expo die sogenannte Singhalesen Schau die hälfte des jährlichen Besucheraufkommens aus. Völkerschauen im Basler Zoo fanden noch bis 1935 statt.

Der Drahtzieher hinter den Aufnahmen

Der Mann, der die Filmaufnahmen erst möglich gemacht hatte, war ein Waadtländer Unternehmer und Filmpionier: François-Henri Lavanchy-Clarke. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz war er Krankenpfleger beim Roten Kreuz und machte sich später für die Anliegen der stark. Ab 1889 war er Generalagent des englischen Seifenfabrikanen Lever Brothers. Vor allem aber war er Konzessionär des jungen französischen Filmunternehmens Lumière. Als solcher veranstaltete er nicht nur Kinovorführungen, sondern produzierte auch selbst Filme. Lavanchy-Clarke hatte schnell erkannt, wie der Film funktioniert. Er sorgte nicht nur dafür, dass die wichtigen Leute aus dieser Zeit jeweils vor der Kamera standen, sondern er setzte z.B. auch jene Produkte in Szene, die er selber vertrieb (z.B. Seifenprodukte).

Wer hat’s entdeckt
Der Basler Filmhistoriker Hansmartin Siegrist hat einen der Filme von Lavanchy-Clarke bis ins kleinste Detail analysiert. Er spielt auf der mittleren Brücke in Basel am 28. September 1896. Auch in diesem Film sind die Auftritte der einzelnen Personen arrangiert. Deshalb ist auf der gleichen Aufnahme sowohl Seidenfärber Achilles Lotz zu sehen, der katholische Pfrarrer und Angehöriger des Jesuitenordens Abbé Joye, sowie auch Lavanchy-Clarke als Regisseur selbst zu sehen. Als Siegrist weitere Filme von Filmpionier Lavanchy-Clarke unter die Lupe nimmt, stösst er auf das Material der Landesausstellung in Genf. Und auf diesen Filmen sind teilweise die gleichen Personen in Szene gesetzt wie auf der Mittleren Brücke in Basel. Zum Beispiel die beiden Maler Max Leu und Emil Beurmann. Der Schluss liegt nahe, dass also noch weitere Angehörige der Schweizer Künstlerszene von damals anwesend sein mussten. Weitere Künstler wie Hodler, der für die Expo von 1896 einer der prägendsten Künstler war und der notabene in Genf lebte. Doch erst die Digitalisierung der Filme in 4k Auflösung brachte den Beweis, zusammen mit anderen Indizien wie Hodlers persönlichen Notizen oder seinem ganz grundsätzlichen Interesse an modernen Gestaltungsmitteln wie Photographie oder Film.

Ein who is who der Künstlerszene von damals
Abgesehen von Hodler konnte Hansmartin Siegrist auf den Expoaufnahmen weitere Künstler aus der damaligen Zeit identifizieren. Unter anderem Albert Welti, dessen Bild «die Landsgemeinde» die Wand des Ständeratssaales ziert. Welti verstarb allerdings vor Vollendung des Bilds. Sein Freund Wilhelm Balmer malte es zu Ende. Auch Balmer ist auf dem Expo Film zu sehen. Genau so wie der Maler Hans Emmenegger.

Rhein: Der unterschätzte Transportweg

Wochenlang haben die verbogenen Geleise bei Rastatt vom 12. August 2017 an den Güterverkehr behindert. In dieser Zeit erwies sich der Containertransport via Rhein als verlässliche Alternative. Seit Oktober 2017 ist die Strecke wieder in Betrieb. Doch die Containerschifffahrt profitiert noch immer von diesem Streckenunterbruch. es liegt sogar das beste Jahr aller Zeiten in Reichweite.

Der Maler, der photoshoppte, als es noch gar keine Computer gab

«Wien hat mir aus dem Dreck geholfen», soll Ferdinand Hodler 1904 gesagt haben. Damals durfte der Schweizer Maler (1853-1918) seine Bilder in Wien ausstellen. Gleich mehrere Bilder soll er damals verkauft haben. Für Hodler, der bei Thun in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war und mit 18 Jahren nach Genf zog, war das der grosse internationaler Durchbruch. Sein Name fiel in einem Atemzug mit anderen grossen Künstlern aus dieser Zeit wie z.B. Gustav Klimt.

Das Leopoldmuseum Wien zeigt anlässlich seiner Retrospektive über Hodler nicht nur viele Bilder, sondern auch eine Reihe von persönlichen Gegenständen des Malers (Pass, Akkordeon, Fotos, Möbel). Sie stammen aus dem Archiv Jura Brüschweiler. Besonders in Erinnerung nach dem Drehen dieser Geschichte ist mir die Tatsache, dass Hodler die damals noch junge Technik der Fotografie nicht als Konkurrenz empfunden hat. Vielmehr hat er sie in seine Arbeit eingebaut: Er hat seine Bilder bei der Entstehung immer wieder fotografiert und auf dem Foto ausprobiert, wie die Änderungen aussehen würden. Photoshop, schon bevor es Computer gab.

Eine Handvoll Superreiche wollen die US-Verfassung neu schreiben (oder: so funktionieren Artikel aus der Filter-Bubble)

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pixabay.com

Eine Gruppe von «Right-Wing» Billionären haben angeblich ein Projekt, die US Verfassung von Grund auf neu zu schreiben. Und sie seien schockierend nahe dran, das Projekt in die Tat umzusetzen (Zum Artikel). Schon gehört davon? Nein? Vielleicht bist Du einfach zu wenig empfänglich für Alarmismus.

So funktionieren Artikel aus der Filterblase. Zuspitzen, Weglassen, Alarmismus verbreiten und Ereignisse auf eine ganz bestimmte Weise zu interpretieren, die keine Abweichungen zulässt. Sie wird auf beiden Seiten des politischen Spektrums praktiziert. Viele halten das für besser als für herkömmlichen Journalismus. Doch genau der punktet in zwei Hinsichten, wo alternative Medien alt aussehen.

Und darum geht’s: Alternet.org schreibt, dass die Organisation Citizens for Self-Governance — hinter der einflussreiche Geldgeber stünden — Vorkehrungen in die Wege leite, um die Verfassung neu zu schreiben. Ohne, dass der US-Kongress etwas dazu sagen könne. Die federal power, also die Kompetenz der US-Bundesregierung, solle mit diesem Manöver limitiert werden. Der Artikel erweckt den Eindruck, dass dadurch Errungenschaften wie die Sozialsysteme, Umweltvorschriften oder Mindestlöhne abgeschafft werden sollen. Als Quelle stützt sich der Artikel im Wesentlichen auf Wikipedia.

Erst die zweite Quelle macht es relevant

Wikipedia abzuschreiben, ist keine Kunst. Sich Zeit zu nehmen, eine Quelle zu überprüfen, oder Informationen von weiteren Quellen bestätigen zu lassen, dagegen offenbar schon. Genau das macht richtigen Journalismus aus.

Es gäbe es eine Reihe von weiteren Quellen. Denn das Thema ist keineswegs neu. US-Medien berichtet regelmässig über diesen Plan für eine Convention of States, z.B. in TennesseeUtah oder auch in Texas. Beim Lesen der Berichte fällt auf, dass die USA keineswegs kurz vor einer solchen Convention stehen, denn mehrere republikanisch dominierte Gliedstaaten machen nicht mit. Ausserdem bringt Alternet zwei Dinge durcheinander: Das Rewriting der Verfassung (also das Neu Schreiben) auf der einen Seite und auf der anderen, die Convention of States, also das Zusammenkommen von mindestens 32 US-Bundesstaaten, um über Vorschläge zur Änderung der US-Verfassung zu beraten. Das wird im Artikel als ein und dasselbe bezeichnet. Und das ist es nicht.

Nur die Möglichkeit einer Convention of States ist in der US-Verfassung vorgesehen. Laut Artikel V können sich zwei Drittel der Bundesstaaten (also 34 Bundesstaaten) versammeln, um Änderungen der Verfassungen vorzuschlagen. Diese werden entweder vom Kongress mit einer Zweidrittelsmehrheit bewilligt, oder sie werden — ohne Zustimmung des Kongresses — in drei Viertel der Bundesstaaten gutgeheissen. Sprich, es wäre eine Zustimmung in 38 Gliedstaaten notwendig. Ein äusserst schwieriges Unterfangen.

Audiatur et altera pars

Der Grundsatz aus dem römischen Recht, wonach auch die andere Seite gehört werden soll, ist auch eine der fundamentalen Regeln im Journalismus. Und es ist nicht so, dass diese «Billionaires», wie sie Alternet bezeichnet, im Geheimen operieren würden. Ein Telefonanruf hätte nicht geschadet. Oder zumindest ein Blick auf deren Webseite.

Das Anliegen ist klar: Citizens for Self Governance wollen, dass Kompetenzen von der Bundesebene wieder auf die Ebene der Gliedstaaten verschoben werden. Sie fordern unter anderem eine Schuldenbremse, oder Amtszeitbegrenzungen für Kongressmitglieder und Richter am Supreme Court und sie wollen Executive Orders begrenzen. Es sind Änderungen, wie sie typischerweise Anhänger föderalistischer Strukturen begrüssen. Mit Umsturz der Verfassung hat das rein gar nichts zu tun.

Disclaimer: Ich bin Journalist für SRF. Die publizistischen Leitlinien, an denen ich mich bei meiner Berichterstattung orientieren, sind ca. 100 Seiten stark. Sie enthalten eine Menge von Regeln, Richtlinien und Grundsätzen. Die Zwei-Quellenregelung und der Grundsatz, dass die Gegenseite angehört werden soll, wie ich es oben beschrieben habe, sind nur einzelne Elemente, die in diesen Leitlinien vorkommen. Sie machen den Journalismus nicht perfekt. Aber sie machen ihn um Klassen besser als das, was täglich in den Filterblasen produziert wird. Mich hätte man für so einen Artikel wie jenen auf Alternet gemassregelt, wenn nicht gefeuert.

Made in Argentina – oder: Der Versuch, Globalisierung rückgängig zu machen


Die Jobs wieder ins eigene Land zu holen. Genau das hat Argentiniens ehemalige Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner versucht. Sie führte hohe Zölle auf Importprodukte ein und zwang ausländische Firmen dazu, ihre Produktion nach Argentinien zu verlagern. Der NPR Wirtschaftspodcast Planet Money erzählt in der Episode «The Phone At The End Of The World», warum das am Ende nicht funktioniert hat.

Als Ex-Radiojournalist möchte ich mal eine Lanze für Podcasts brechen. Die neuste Planet Money-Episode hat mir ein altes Thema auf völlig neue Art & Weise erklärt. Es geht darum, wie Argentinien auf seine Zoll- und Import-/Export-Politik gekommen ist. Cristina de Kirchner ging es nach ihrer Wahl von 2007 darum, die inländische Produktion anzukurbeln und die Import/Export-Bilanz des Landes zu verbessern. Das ging soweit, dass Firmen, die auslänsiche Produkte importieren wollten, gezwungenermassen argentinische Produkte exportieren mussten. So sah sich ein argentinischer Porsche-Importeur veranlasst, Rotwein zu exportieren, damit er Porsches nach Argentinien holen und verkaufen konnte.

Aufstieg und Fall des argentinischen Blackberry

Im Falle von Blackberry ging die Regierung sogar noch deutlich weiter. Sie sorgte 2010 dafür, dass in Feuerland (am untersten Südzipfel des Landes) ein kleines Unternehmen Blackberries herstellen durfte. Denn Blackberries waren in Argentinien sehr populär, das iPhone war nicht erhältlich. Die Firma in Feuerland konnte rasch expandieren und die Wirtschaft rundherum kam in Schwung.

Dann kam der argentinische Blackberry tatsächlich auf den Markt. Allerdings zwei Jahre zu spät. Planet Money beschreibt, wie es zu dieser Zeit in den USA (resp. Kanada) schon längst modernere Modelle gab, die ausserdem deutlich günstiger waren. Natürlich wollten die Menschen in Argentinien die neueren und günstigeren Blackberries und holten (schmuggelten) diese auch ins Land. Somit wurde der argentinische Blackberry zum Ladenhüter. Die Fabrik in Feuerland musste Leute entlassen (der Personalbestand sank von 2000 auf 600 Angestellte). Die 23 Millionen Dollar, die die argentinische Regierung investiert hatte, lösten sich in Luft auf.

Die Zeche bezahlt das Volk

Infolge der argentinischen Wirtschaftskrise und hoher Inflation zogen sich viele ausländische Firmen wieder aus Argentinien zurück. Die Spuren dieser Protektionspolitik sind in Argentinien immer noch für jede und jeden erkennbar. Güter, die im Ausland hergestellt werden, sind noch immer absurd teuer. Zum Beispiel Autos. Oder das iPhone. Dieses ist zwar mittlerweile in Argentinien erhältlich. Kostet aber umgerechnet über 1400 US$, in den USA bezahlt man darüber aber bloss ca. die Hälfte: 849 US$ (Preis für ein iPhone 7, Jet Black, 256 GB).

Zur Episode von Planet Money: http://www.npr.org/sections/money/2017/02/17/515850029/episode-755-the-phone-at-the-end-of-the-world

Dreiergruppen? Moment, da war doch mal was

48 (achtundvierzig) Teams sollen 2026 an die WM reisen dürfen. Friede, Freude, Eierkuchen für alle, die dabei sein können. Dass es dem spielerischen Niveau eher abträglich sein dürfte, davon gehe ich  – einige Monate nach der «aufgestockten» Euro in Frankreich – eigentlich aus. Aber das wirkliche Übel ist für mich etwas ganz Anderes.

Arithmetisch ist es einfach: Bei 48 Teams an einer Endrunde musste sich die Fifa etwas einfallen lassen, um nicht schon in der Vorrunde das enge Zeitfenster von vier Wochen für eine WM zu sprengen. 48 Teams verteilt auf Vierergruppen, das hätte zu 72 Vorrundenspielen geführt. Bei einem Modus mit Dreiergruppen hingegen bleibt es bei 48 Vorrundenspielen. So wie wir das z.B. von der WM in Brasilien kennen.

Die Sache hat einen sportlichen Haken. In einer Dreiergruppe spielen jeweils zwei Teams gegeneinander, während das dritte Team nur zuschauen kann. Somit können sich die beiden Mannschaften unten auf dem Platz mehr oder weniger Absprechen, welches Resultat für beide am besten wäre. Wie? Das würde ein Fussballer nie machen? Oh doch! Wer 1982 schon Fussball konsumiert hat, der oder die weiss, wie so etwas aussieht.

Einer schaut immer zu

An der damaligen WM in Spanien trafen im letzten Gruppenspiel die Bundesrepublik Deutschland und  Österreich aufeinander. Algerien, ebenfalls in dieser Gruppe, musste zusehen, wie sich die BRD und Österreich stillschweigend darauf einigten, das 1:0 zu verwalten, weil es beiden Teams zum Weiterkommen verhalf. Die gesamte zweite Halbzeit dieses Spiels (Auszüge gibt’s auf Youtube) bestand eigentlich nur noch aus Rückpässen an den eigenen Torhüter. Sehr zum Missfallen des Publikums. Das Spiel ging in die Geschichte ein als die «Schande von Gijón».

Wohlgemerkt: Der  Weltfussballverband hat nach 1982 reagiert: An der darauffolgenden WM in Mexiko gab es Vierergruppen und die letzten beiden Gruppenspiele wurden zeitgleich angepfiffen (und 1992 wurde die Rückpassregel eingeführt). Und jetzt werden diese Fortschritte mit dem erneuten «flotten Dreier» wieder zunichte gemacht. Natürlich gibt es auch heute und auch in einer Vierergruppe noch Möglichkeiten, sich abzusprechen (und vermutlich kam das auch schon vor). Aber die Wahrscheinlichkeit ist weniger hoch.